Erfahrungsbericht: Tati
Hündin, bei Abholung in 2005 etwa 1,5 2 Jahre jung

Tati    
August 2005                                                                                            September 2007

Ja, so habe ich vor genau zwei Jahren noch ausgesehen: ängstlich, eingeschüchtert, apathisch. Hätte mir damals jemand gesagt, dass ich euch jetzt und hier einen Erfahrungsbericht schreiben lassen würde (Jawoll, ich sage meiner Hundemama ganz genau, was sie schreiben soll!!!), dann hätte ich ihn wohl gefragt, was Mònica ihm bloß in den Napf getan hat...

Tati
Also erstmal vorweg: Ihr Menschen habt mich ja ganz schön enttäuscht: Zuerst wurde ich verlassen, weil ich es nicht ausgehalten habe, dass mein Zweibeiner dauernd so laut in die Luft knallt und dabei auch noch andere Tiere tötet (meine Mama sagt, man nennt das "Jäger") und meine zweite Familie wollte mich auch nicht mehr, weil ich nicht 12 Stunden lang einhalten konnte. Sie waren dann immer sehr sehr böse auf mich! Also landete ich wieder bei Mònica im Tierheim.

Eigentlich ist sie ja sehr lieb... und auch Noemi war ganz ganz lieb zu mir, aber ich hatte kein Vertrauen mehr. Ich dachte mir, ich halt mich lieber von ihnen fern, denn auch sie gehören letztendlich zu dieser unzuverlässigen Rasse "Mensch"!

Ja ja, ist ja gut... Sogar ich habe inzwischen kapiert, dass man euch nicht alle über einen Kamm scheren darf. Das hat allerdings einige Zeit gedauert, aber dazu komme ich noch! Um ganz ehrlich zu sein, ich hatte die Menschen schon aufgegeben. Ich wollte mit euch nichts mehr zu tun haben und habe jeden Blickkontakt vermieden. Nehmt mir das nicht übel, ich wusste es einfach nicht besser! Eines Nachts es war der 13. August 2005 standen plötzlich zwei komplett verrückt gewordene Zweibeiner vor mir, die extra wegen mir knapp 1.500 km vom Niederrhein in Deutschland bis nach Spanien gefahren sind, weil sie mich so schnell wie möglich zu sich holen wollten. War mir aber völlig schnuppe... ;o)

Auf dem Weg zu meinem neuen Zuhause, hielten wir alle paar Stunden an einem einsamen Rastplatz an. Sie haben mir zwei (!) Hundeleinen umgetan, was wirklich Mist war, weil ich so einfach keine Chance hatte, wegzulaufen! Nicht, dass ich es nicht versucht hätte... Ich sollte "Pipi machen", aber püh! Das habe ich den gaaaaanzen langen Fahrtweg nicht gemacht, ich hab' lieber immer wieder versucht, wegzulaufen! Ich glaube, ich habe damals meine neuen Zweibeiner gewaltig ins Schwitzen gebracht *hihi*.

Lange habe ich es aber nicht geschafft, so abweisend zu bleiben. Selbst mein Fluchtversuch im neuen Zuhause hat sie nicht davon überzeugt, mich einfach gehen zu lassen. Wer hätte denn auch ahnen können, dass der angrenzende Garten der Mama und dem Papa meiner Hundemama gehört und besser gesichert ist als Alcatraz?!

In den ersten Tagen habe ich einfach durch meine neuen Menschen durchgeguckt, als wären sie gar nicht da! Hat mich jemand gerufen? Neeeee, bestimmt nicht! Aber dann... ohje... ich musste doch soooooo dringend Pipi!!!! Nur wohin? Irgendwo, wo's niemand sieht, dachte ich mir! Na ja, rückblickend betrachtet, war der Schlafzimmerteppich wirklich nicht gerade eine meiner besten Ideen... Peinlich! Voll erwischt! Ich dachte, das war's! Aus! Vorbei! Jetzt krieg' ich eine drüber und dann geht's zurück ins Heim! Ich hab' mich innerlich schon auf meine Strafe eingestellt, ich hab' mich verkrochen, gezittert, ganz tief auf den Boden gedrückt... Aber wisst ihr was? Meine Hundemama wollte mich überhaupt nicht schlagen! Sie hat mich in den Arm genommen und gesagt, dass ich keine Angst haben müsse, wir würden das schon in den Griff bekommen... Ich hab' die Welt nicht mehr verstanden und zu dieser Reaktion ja nun denn auch gaaar kein Vertrauen gehabt. Deswegen hielt ich es für ratsamer, mich auch die nächsten Male schnell zu verstecken. Doch es blieb dabei: keine Prügel. Irgendwann dachte ich mir, ok... ich DARF prinzipiell mein Geschäft verrichten, aber wo? Dass der Schlafzimmerteppich nicht für sonderliche Begeisterung sorgte, habe ich erst begriffen, als meine Hundemama mehrere Nächte mit mir im Wohnzimmer schlief und alle zwei Stunden mit mir in den Garten ging. Wow, ich sag' euch, der ist vielleicht duuunkel nachts! Und erst die Geräusche!!!! HORROR!!!!!!!! Aber aus der Leine ziehen und abhauen, war einfach nicht drin. Hatte ja wegen aaaaaaaaaaaaaangeblicher Fluchtgefahr immer zwei Leinen um! Dann kam meine Hundemama noch auf die glorreiche Idee, nachts im Garten leise vor sich hin zu singen, wenn sie mit mir raus ging! Wie PEINLICH!!!! Na, und da waren es dann nicht mehr die ganzen Geräusche, die mir Angst machten *hihi*! Aber solange Mama singt, kann nichts Gefährliches in der Nähe sein und so wurde ich ruhiger. Es dauerte etwa zwei, drei Monate, bis mir die Nacht keine Angst mehr machte Mama hat ja auch mit dem Singen aufgehört *puh*! Allerdings konnte man noch Monate später den Trampelpfad erkennen, den wir damals stündlich im Garten zurücklegten! Einen großen Vertrauensbeweis machte meine Hundemama mir, als sie eine 10-Meter-Laufleine für mich besorgte und ich endlich von den zwei Kurzleinen erlöst wurde! Fortan hat es viel besser geklappt und Mama hatte nicht so viel Angst, dass ich wieder versuchen könnte, wegzulaufen.

Aber ich war ja nicht alleine in diesem neuen Zuhause! Da ist noch meine neue Hundekollegin Jacky! Die ist klasse! Sie hat zwar zuerst die "Du-bist-neu-und-ich-bin-der-Boss-hier"-Leier angestimmt, aber ich konterte sofort mit meinem "Ich-bin-zwar-neu-aber-größer-stärker-und-jünger-als-du"-Hit *hähä*!
Tati

Tati
Mein Hundequartier durfte ich mir selbst aussuchen: Neben meiner Hundemama auf dem Boden. Fand ich dufte, aber mein Rudel meinte, es sei doch gemütlicher, wenn ich da ein Körbchen für mich hätte. Und sie hatten Recht... ;o)

Mittlerweile fühle ich mich hier sehr wohl und beginne sogar damit, mein neues Zuhause lauthals zu verteidigen! Jeder Fremdling wird erstmal ordentlich angebellt aus gesunder Distanz, versteht sich! Das Fressen hier ist auch köstlich, dauert nur immer viel zu lange! Da muss ich schon aufpassen, dass das schnell und lecker zubereitet wird. Also Pfoten auf die Arbeitsplatte und feste geschnüffelt und gekostet (Löffel fliegen ganz toll quer durch den Raum, wenn man sie aus dem Fressnapf kickt!).

Irgendwann habe ich ein ganz tolles Spiel erfunden und die Zweibeiner spielen voll engagiert mit: Ich schnappe mir schwanzwedelnd irgendwelche unnützen Sachen (Sie nennen sie: Fernbedienungen, Zeitungen, Türstopper, Putzlappen, Verpackungen und so'n Quatsch) und verstecke sie. Meine Menschen laufen dann auch schon sofort los und suchen wie verrückt! Macht Spaß, auch wenn ich nicht den geringsten Schimmer habe, weshalb sie so wild auf diese Sachen sind! Die schmecken überhaupt nicht und riechen nach nichts!
Tati

Na ja, Menschen eben... Da fällt mir übrigens noch was Lustiges ein: Jeden Morgen kommt so ein Zweibeiner an unsere Haustür, öffnet eine Klappe und schmeißt lauter Papier dadurch! Das kann man ganz toll zerreißen, aber meine Menschen finden es nicht so gut, wenn ich das mache! Die wollen das Spiel lieber alleine spielen, denn die reißen da auch erst eine Seite auf und ziehen noch mehr Papier raus.

Meine Hundemama sagt, ich hätte den Schalk im Nacken und würde mir ständig irgendwelche hinterlistigen Schlitzohrigkeiten ausdenken... *grübel*... neeeeeeeeeeeee! ;-)

Tati
Alles in allem hat es sehr lange gedauert, bis ich mich hier wirklich richtig wohl gefühlt habe. Es war sogar so eine komische Frau hier (Mama sagt, das war eine Hundepsychologin), die meinte, wenn ein Hund in der Prägephase - also in den ersten Lebensmonaten keine menschliche Zuneigung bekommen habe, wäre er für Menschen nicht mehr zugänglich. Meine Hundeeltern haben sich vielmals bedankt und sie nie wieder angerufen! Meine Hundemama sagte, sie mache jetzt einfach eine "Schocktherapie" und obwohl ich anfangs immer weggelaufen bin, hat sich mich geschnappt und mit mir geschmust und mich gestreichelt. Das fand ich toll und dann habe ich meinen Kopf gaaaaaaaaaanz langsam in ihre Hand gelegt. Sollte ja keiner merken, wie sehr ich das genossen habe, aber das konnte ich nicht lange durchhalten. Heute krieche ich ihr freiwillig auf dem Schoß rum, lege mich auf den Rücken und strecke die Beine ganz weit, damit sie gaaaaaaaanz viel Fläche zum Streicheln hat *hihi*!

Zu Männern habe ich bis heute kein Vertrauen, selbst bei meinem Hundepapa gehe ich noch nach zwei Jahren auf Abstand, obwohl er mir nie etwas getan hat. Aber er darf mich Pipi machen lassen und füttern und natüüüürlich darf er mir auch Leckerlis geben! Ich freue mich auch ganz dolle, wenn er vom Arbeiten nach Hause kommt und wedle wie wild mit dem Schwanz! Aber anfassen lasse ich mich trotzdem noch nicht von ihm, obwohl doch... Manchmal wenn ich richtig gute Laune habe darf er mich ein bisschen streicheln. Mit Männern habe ich einfach schlimme Erfahrungen gemacht und so bin ich nun mal ein absoluter Frauenhund!

Tati
Seit anderthalb Jahren darf ich ohne Leine in den Garten, seit etwa einem Jahr darf ich sogar alleine raus, ohne dass mir irgendein Zweibeiner besorgt hinterher läuft. Unseren Garten kenne ich, da passiert mir nichts! Fremde Gärten und wenn sie direkt nebenan liegen sind mir allerdings unheimlich und spazieren gehen fällt mir nach wie vor ziemlich schwer. All die fremden Zweibeiner und so viele Geräusche...

Aber meine Menschen sind sehr geduldig, ich vergöttere meine Hundemama und sie vergöttert mich! Sie sind sehr liebevoll und ich belohne sie mit direktem Augenkontakt und immer offener werdender Ausgelassenheit. Sie haben Bedürfnisse in mir geweckt, von denen ich gar nicht wusste, sie überhaupt zu haben: Nähe, Zuwendung, Aufmerksamkeit und vor allen Dingen Liebe!

Zuletzt möchte ich allen Hunden, die noch im Tierheim auf ein neues Rudel warten, sagen, dass ich euch allen ganz feste die Pfoten drücke!!!! Das Gefühl von Sicherheit ist ein Grundbedürfnis von Menschen UND Hunden und ihr verdient es, genauso glücklich zu werden, wie ich es am Ende doch noch geworden bin! Ihr dürft die Hoffnung nicht aufgeben und eure Persönlichkeit nicht verlieren... Ich bin ganz sicher, irgendwo gibt es Menschen, die euch so lieben können, wie ihr seid! Vielleicht ganz vielleicht liest gerade jetzt in diesem Moment ein lieber Mensch meinen Erfahrungsbericht, weil er auf der Suche nach einem neuen treuen Gefährten ist! Und vielleicht schaut er sich in den nächsten Minuten ermutigt Hunde, Hündinnen, Notfälle und / oder Welpen an, um sich genau für DICH zu entscheiden!

Tati
"Die Hoffnung hilft uns leben..." (Johann Wolfgang von Goethe)

Oh, äh... Mama will auch noch kurz was sagen...

Hallo, dieser Text ist leider etwas lang geworden, aber ich hoffe, ich konnte rüberbringen, dass das erste Jahr mit unserer Tati wirklich kein Zuckerschlecken war. Man sollte sich also nicht leichtfertig für einen extrem ängstlichen Hund entscheiden, nur um am Ende feststellen zu müssen, dass man überfordert ist. Man braucht viel Zeit, noch mehr Geduld und vor allem Liebe im Überfluss! Anfangs sind es wirklich kaum wahrnehmbare Anzeichen, die einem Mut und Hoffnung geben, das Tier nicht aufzugeben. Eine leichte Kopfbewegung, die Tatsache, dass das Fressen angenommen wird... damit fängt es an! Aber ich verspreche euch: Nach einiger Zeit hat man den dankbarsten und zauberhaftesten Hund der ganzen Welt! Ein Hundeblick voller Zuneigung und unendliches Vertrauen kann einem das Herz so sehr erwärmen. Sie ist noch nicht 100%-ig "normal": Sie meidet meinen Mann, hat große Angst bei Spaziergängen und macht immer noch manchmal Pipi in die Wohnung. Aber sie ist zu 90% stubenrein und ich bin sehr sehr stolz auf sie für diese Leistung! Neue Sachen kann sie gar nicht leiden: wehende Tücher, eine Fliegengitter-Tür, eine Mütze auf dem Kopf. Da reagiert sie immer erst sehr misstrauisch drauf, aber nach ein paar Tagen gewöhnt sie sich dran und nimmt es als selbstverständlich hin. Irgendwann es ist noch gar nicht so lange her fiel uns auf, dass sie immer aus dem Raum lief, wenn wir die Hände über den Kopf hoben. Wir haben es also ein paar Tage extra so gemacht und nun ist es für sie das Zeichen, dass wir mit ihr spielen und schmusen wollen!

Gerade jetzt schaut sie mich ganz lieb und müde an und ich überlege, was man ihr angetan hat... einem so wundervollen Tier. Es ist wohl besser, dass ich es nicht so genau weiß! Ich bin mit Hunden groß geworden, habe keinerlei Berührungsängste und kann auch die Körpersprache recht gut verstehen. Das habe ich wohl eher gelernt, als zu sprechen! ;o) Ich denke, deshalb hat man mir diese Maus letztendlich auch anvertraut. Heute kann ich sagen, ich würde es sofort wieder wagen: Während ich versuchte, Tatis Herz zu gewinnen, hat sie meins im Sturm erobert!

Puh, also ein Riesen-Danke-Schön an alle, die es geschafft haben, bis hierher zu lesen! ;o)